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Um das Besondere einer Moto Guzzi zu erklären, haben sich schon etliche Autoren und Redakteure auf zig Seiten die Finger wund geschrieben und versucht, genau das zu erklären. Und trotzdem geht es auch dieses Mal nicht ganz ohne Umschweife. Heute steht die neue Moto Guzzi V11 Le Mans vor mir. Welch klangvoller Name. Damals, das war vor ziemlich genau 25 Jahren, wurde die erste Le Mans mit noch 850 Kubikzentimetern auf dem Mailänder Motorradsalon präsentiert. Ein Motorrad wie aus dem vollen geschnitzt und dennoch sportlich bis in die Spitze der Drehzahlmessernadel. Auf der einen Seite der schon Mitte der siebziger Jahre dezent barock anmutende V2-Motorblock, auf der anderen Seite die Beschränkung der restlichen Bauteile auf ihre mehr oder weniger pragmatische Funktion. Es war genau diese beinahe unbegreifliche Schlichtheit, die in Verbindung mit den sicheren Fahreigenschaften für den Esprit sorgten, von dem noch heute die gesamte Marke zehrt.
Sportlichkeit wird bei Moto Guzzi seit jeher ein wenig anders interpretiert. Nicht übertriebener Leichtbau bis hin zum empfindlichen Nervenkostüm, nicht purer Leistungs-fetischismus, der im aggressiven Adrenalin-Kick jenseits von Gut und Böse gipfelt und auch nicht schüchternes Multi-Zylinder-Gesäusel deutet auf die Akzeptanz der gängigen Tischmanieren hin. Eine Guzzi poltert, grummelt und stampft zugleich. Zum Glück, denn damit verfügt auch die neue V11 Le Mans über jene magische Art, die ihren Fahrer in einen unerklärlichen Bann zu ziehen scheint. Auch ich stehe nicht morgens mit einem Hofknicks vor meiner Frau und bedanke mich für den frisch gekochten und köstlich duftenden Kaffee. Ein kurzes "Danke" und eine entspannte Miene müssen meist reichen. So auch der erste Tagesritt mit der V 11 Le Mans, frühmorgens um 8 Uhr, auf dem Weg ins Büro. Per Handschlag nehme ich die beiden Leichtmetall-Stummel in die Hände, lasse meinen Blick kurz über die üppig geformte Taille wandern und ziehe gleichzeitig die linksseitige Starthilfe. Sie ist schon ein großes Motorrad. Ein bisschen wie eine Rubensfrau vielleicht ... So mag der Start des 91 PS-starken V2 durchaus alltäglich aussehen und ist es doch nicht wirklich. Es ist ein kurzer Akt, eine unsichtbare Zelebration, bis der Anlasser den mächtigen Kurbeltrieb in Schwung gebracht hat. Nach zwei, drei kurzen Gasstößen wummern die beiden im 90°-Winkel zueinander angestellten Kolben immerhin satte 8 Zentimeter auf und ab. Ein Gefühl, als sei man gerade nach Hause gekommen - willkommen in der Guzzi-Welt. Der Motor läuft nicht einfach. Er lebt und bebt mit jedem Atemzug den er durch die großen Schlünde die Umgebungsluft samt eingespritztem Kraftstoff inhaliert, sie sattsam verbrennt und anschließend schmatzend in Rotationsenergie zum Antrieb der längslaufenden Kurbelwelle umwandelt. Das ist Guzzi pur. Mit jedem Gasstoß will das Rückdrehmoment die Maschine nach rechts kippen, so als wolle sie sagen "Ja, ich bin wach. Lass uns endlich fahren." MITTEN IM LEBEN Sorgfältig wird die Guzzi in Position gebracht, um anschließend gemächlich anzurollen. Und das hat keineswegs etwas mit den fahrfertig 246 Kilogramm zu tun. Für eine Maschine aus Mandello del Lario, dem Geburtsort einer jeden Moto Guzzi, ist sie sogar äußerst einfach zu manövrieren. Souverän rasten sämtliche Gänge ein, wenngleich sich ein Vergleich mit fernöstlicher Konkurrenz von vornherein verbietet. Schließlich sind wir hier nicht auf dem Laufsteg, sondern mitten im richtigen Leben. Trotzdem ist das Sechsgang-Getriebe der Le Mans etwas Besonderes. Dank patentierter Vierwellen-Technik sparte man trotz zusätzlichem sechsten Gang eine Baulänge von beachtlichen 7 Zentimetern. Angenehm leise findet der erste Gang seine Arretierung im Zahnradsortiment. Die hydraulisch betätigte Zweischeiben-Trockenkupplung ist ebenfalls fein zu dosieren. So gut sogar, dass ich mich regelmäßig dabei ertappe, wie ich im zweiten Gang anfahre. Diese Eigenheit kennt man sonst auch von Harley-Fahrern. Zurecht, denn auf diese Art kommt man gleich beim Anfahren in den vollen Genuss der balsamierenden Guzzi-Atmosphäre durch eine einzigartigen Geräuschkulisse. Auf bessere Beschleunigungswerte verzichtet man dafür gern. Mit untertourigem Pulsschlag und weich polterndem V2 zieht die 1100er bärig an. Während des Kupplungsschleifens vernimmt man das silberhelle Schleifgeräusch der Kupplungsmimik - eine prickelnde Mischung. Ab Leerlaufdrehzahl kann bequem angefahren werden. Jammerschade nur, dass sich dieser Klang so schwer in Schriftform rüberbringen lässt ... BRUMMBÄR UND RAUBTIER Schon nach wenigen hundert Metern kann die Starthilfe ganz zurückgeschoben werden - wenn´s nicht schon von allein geschehen ist. Der OHV-Motor läuft nach kürzester Zeit rund, wobei der weiß unterlegte Drehzahlmesser bei bei 1.000 min-1 verharrt und durch eine stoische Ruhe glänzt. Mit dem Blick über die rahmenfest montierte Halbschale und gemäßigt-sportlicher Sitzposition beugt man sich über den langen Tank. Langsam keimen sportive Gelüste auf. Das kommt nicht von Ungefähr, denn der Einspritzer hängt exzellent am Gas. Spontan und willig weiß er binnen Sekunden zwischen gemütlichem Brummbär und grollendem Raubtier umzuschalten. Kaum zu glauben, wie flott sich die Le Mans um die Ecken biegen lässt. Doch das geht nicht einfach so, nicht wie bei einer Fireblade, einer ZX-9 R oder der pfeilschnellen GSX-R 1000, die allesamt quasi wie von selbst ihre Linie finden. Nein, eine Le Mans will geführt werden und läuft dann am besten, wenn sie so oft wie möglich unter Zug gehalten wird. Dann eröffnet sich dem Guzzisten jene Dimension, die schon der legendären 850 Le Mans zu historischem Ruf verholfen hat. Doch gibt sich die heutige 1100er um Welten seriöser und umgänglicher - einfach besser.
Schnelle Autobahn-Etappen waren bis zum letzten Jahr eindeutig nicht ihre Domäne. Zu sensibel reagierte das handliche Fahrwerk auf Störeinflüsse jeglicher Art. Seitdem jedoch der deutsche Aprilia-Importeur seine kundigen Finger im Spiel hat, läuft die V11 absolut stabil geradeaus. Zu den einschneidenden Änderungen gehört beispielsweise der um 20 Millimeter verlängerte Radstand und die breitere 5,5"-Felge, die endlich stabilere Breitreifen aufnehmen kann. Zwischendrin sorgt noch eine stabile Rahmenstrebe am Heck und ein massiverer Lenkkopf für mehr Stabilität - das war´s schon. Die voluminiöse Halbschalen-Verkleidung bietet dabei angenehmen Wind- und Wetterschutz. EIN ECHTER SPORTSFREUND Die mächtige Momentenabstützung am Hinterrad und die lange Schwinge verhelfen der Le Mans zu einem sehr ausgewogenen Fahrverhalten. So fährt die V11 auch bei Topspeed von 235 km/h zielsicher auf ihrer Linie und verfügt trotzdem durch ein überzeugendes Handling. Die verstellbaren Federelemente von White Power (hinten) und Marzocchi (vorn) decken einen sehr breiten Bereich ab. Die sportliche Grundabstimmung wirkt speziell am Heck zwar manchmal als zuviel des Guten, doch ist sie erforderlich, um die noch verbleibenden Kardanreaktionen wirkungsvoll zu lindern. Komplettiert wird das Ganze noch durch einen variablen Bitubo-Lenkungsdämpfer, den man auch gut während der Fahrt justieren kann. Bravo!
Dafür hinterlässt die 320er-Brembo-Goldline-Bremsanlage einen sehr wertigen Eindruck. Von strammer Hand betätigt, lässt sie sich bestens dosieren und liefert vorzügliche Verzögerungswerte. Am Heck findet der Fahrer einen tatkräftigen Kompagnon, den man besonders im Zweipersonen-Betrieb gern als bequeme Unterstützung in Anspruch nimmt. Was letztendlich fehlt, ist ein geregelter Kat.
Text: Ulrich Hoffmann PLUS: |